Denkmale in Berlin. Treptow-Köpenick
Ortsteile Nieder- und Oberschöneweide.

Das Landesdenkmalamt Berlin legt mit der Denkmaltopografie Schöneweide zum ersten Mal eine kommentierte und illustrierte Denkmalübersicht für die Großstadtregion Nieder- und Oberschöneweide vor.

Dank seiner außergewöhnlichen Denkmaldichte und seiner geschlossenen Überlieferung, aber auch aufgrund der unmittelbaren räumlichen und funktionalen Verknüpfung mit gleichzeitig entstandenen Wohnquartieren und Wohnfolgeeinrichtungen möchte man dem Band der Produktions- und Technikanlagen entlang der Oberspree den Rang eines Industriedenkmalorts von bundesweiter Bedeutung zusprechen.

Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland
Denkmale in Berlin. Treptow-Köpenick
Ortsteile Nieder- und Oberschöneweide.
2003, ISBN 978-3-937251-10-3
Herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin
Autor: Matthias Donath

Michael Imhof Verlag   Petersberg 2003

VORWORT
Industriekulturlandschaft Oberspree

Eine idyllische Wald- und Auenlandschaft beiderseits der Spree nordwestlich der Stadt Köpenick trug bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit Recht den Namen Schöneweide. Der drastische Veränderungs- und Wachstumsprozess, den die nahe gelegene deutsche Hauptstadt Berlin nach der Reichsgründung durchlief, hatte auch starke Auswirkungen auf das natürliche Umland der Stadt. Für das Oberspreegebiet, wie für viele andere verkehrsgünstig an Fluss oder Eisenbahnlinien gelegene Landschaften, brach ein neues Zeitalter an: Auf der grünen Wiese entstanden großflächige Industrieanlagen und für Arbeiter und Angestellten wurden Wohnungen in neu angelegten Stadtteilen oder Stadterweiterungsgebieten gebaut. Die Anbindung an das Stadtzentrum garantierten neuartige, leistungsfähige Verkehrssysteme.
Im Verlaufe der Industrialisierung hatten sich zunächst Betriebe unterschiedlichster Branchen wie Metallverarbeitung, Elektrotechnik, Textilherstellung und -verarbeitung oder Chemie in Berlin niedergelassen. Mit der enormen Zuwanderung von Arbeitskräften, die in einem Mietshausgürtel von großstädtischen Ausmaßen aufgefangen wurden, und der so genannten Citybildung, der Ansiedlung von großen Geschäfts- und Verwaltungskomplexen in der Innenstadt, waren die Schmutz und Lärm erzeugenden sowie Flächen verschlingenden Großindustrien im unmittelbaren Weichbild der Stadt nicht mehr integrierbar. Ihre Umsiedlung auf verkehrsgünstig gelegene Freiflächen vor die Stadt wird als "Randwanderung der Industrie" bezeichnet. Das Industriegebiet und die heutigen Berliner Ortsteile Nieder- und Oberschöneweide sind Produkte dieser "Randwanderung".
Die vorliegende Publikation liefert eine kommentierte und illustrierte Denkmalübersicht für die Großstadtregion Nieder- und Oberschöneweide. Die Denkmaltopographie analysiert und dokumentiert die Auswirkungen der eingangs skizzierten Entwicklung auf den Ort Schöneweide und stellt am Beispiel der Bau- und Gartendenkmale die unterschiedlichen Facetten der Geschichte dar, die diesem Ort in vergleichsweise kurzer Zeit sein unverwechselbares Gesicht gegeben haben. Dabei wird die große Qualität der baulichen Hinterlassenschaften verdeutlicht und auch die große Aufmerksamkeit, die Gründer und Nutzer dieser Stadtteile, Planer, Architekten, Industrieführer und die Stadtverwaltung in die Herausbildung dieser Ansiedlung investiert haben.
Zeigen sich die Qualitäten in Niederschöneweide eher an Einzelbauten und Industrieanlagen wie der Borussia-Brauerei, so ist Oberschöneweide zudem ein herausragendes städtebauliches Gebilde. Das fast zwei Kilometer lange Industrieband zwischen Spree und Wilhelminenhofstraße ist weitgehend einheitlich gestaltet. Verschiedene Fabriken sind farblich durch gelbes Ziegelmaterial aufeinander abgestimmt. Die frühesten sind in einfacher Weise in historische Stilformen gekleidet. Zur Stadtseite werden große Industrieanlagen immer wieder durch offen angelegte Bereiche unterbrochen. Fabrikantenvillen beziehungsweise villenartige Verwaltungsgebäude teilweise mit Grünanlagen öffnen sehr abwechslungsreich die Industriekomplexe und damit den Straßenraum. Die gegenüberliegende Wohnstadt ist Ergebnis einer sorgfältigen Stadtplanung von 1902, die in mehreren Phasen bis in die 1930er Jahre realisiert wurde. Besonders die AEG unter der Leitung des Industriepioniers Emil Rathenau hat in Oberschöneweide einen ihrer Hauptstandorte errichtet und den Ort stark geprägt. Nicht nur im Industriebereich, sondern auch auf dem Gebiet des Wohnungs- und Siedlungsbaus sowie von Sozialeinrichtungen hat das Unternehmen in Oberschöneweide mit bedeutenden Architekten wie Peter Behrens, Jean Krämer und Ernst Ziesel zusammengearbeitet.
Schöneweide darf, allenfalls vergleichbar mit den Industriequartieren Moabit und Siemensstadt, als historisches Zentrum der Berliner Großindustrie gelten und als ein Industriedenkmalort von bundesweiter Bedeutung. Die Gemeinden Ober- und Niederschönweide zählen zu den Gründungszentren, von denen der märchenhafte Aufstieg der deutschen Hauptstadt im Kaiserreich zur "Elektropolis" und zur führenden Industriemetropole des Kontinents seinen Ausgang nahm. Dank seiner außergewöhnlichen Denkmaldichte und seiner geschlossenen Überlieferung, aber auch aufgrund der unmittelbaren räumlichen und funktionalen Verknüpfung mit gleichzeitig entstandenen Wohnquartieren und Wohnfolgeeinrichtungen möchte man dem Band der Produktions- und Technikanlagen entlang der Oberspree den Rang einer industrialisierten Kulturlandschaft oder gar einer industriell geprägten Denkmallandschaft in der Großstadt Berlin zusprechen.
Mit der vorliegenden Teillieferung einer Bezirksdenkmaltopographie Treptow-Köpenick von Berlin erscheint zum ersten Mal ein stadträumlich gegliedertes Denkmalinventar für die Ortsteile Ober- und Niederschöneweide. Die gewählte Gebietskulisse, die die Oberspree und vormalige Bezirksgrenze zwischen Treptow und Köpenick überschreitet, ist zunächst vor allem historisch motiviert. Bis 1938 lagen die beiden Ortsteile Oberschöneweide mit Wuhlheide und Niederschöneweide gemeinsam im 1920 nach Berlin eingemeindeten Verwaltungsbezirk 15 Treptow von Berlin. Auch ihre bis heute vorherrschende Ausprägung als ausgesprochenes Industrie- und Arbeiterwohnquartier verdanken sie einer Art Parallelentwicklung in den Jahrzehnten vor und nach 1900 als über die Spree eng verflochtener Wirtschaft- und Siedlungsraum. Im Sinne einer historischen Industrielandschaft kann man die Ortsteile Oberschöneweide und Niederschöneweide in ihrer Entstehung und aktuellen Gebietscharakteristik bis heute als große denkmaltopographische Einheit verstehen und erleben. Mit der jüngsten Fusion der beiden Verwaltungsbezirke Köpenick und Treptow von Berlin zum 1.1. 2001 ist in Schöneweide über die Spree hinweg wieder zusammen gewachsen, was verwaltungsmäßig schon einmal zusammen gehörte. Der gewählte Gebietszuschnitt der DenkmaltopographieSchöneweide reagiert auf diesen historischen Zusammenhang, zugleich aber auch auf die Chancen, die die aktuelle Verwaltungsgliederung für die Erhaltung des Denkmalbestandes entlang der Oberspree und für die Entwicklung einer neuen gemeinsamen Bezirksidentität von Treptow-Köpenick eröffnet.
Die Denkmaltopographie Schöneweide und weitere in Bearbeitung befindliche Ortsteil- und Bezirkstopographien markieren eine Verlagerung der Aufgabenschwerpunkte der Denkmalinventarisation von den in Auf- und Unibruchzeiten kurzfristig geforderten Unterschutzstellungsaktivitäten hin zu einer verständlichen und werbenden Präsentation erhaltungswürdiger Denkmale für die breite Öffentlichkeit, in deren Auftrag Denkmalbehörden tätig sind. Die "Verbreitung denkmalfachlicher Erkenntnisse" und die "Erstellung von Denkmaltopographien und deren Veröffentlichung", so das Berliner Denkmalschutzgesetz, genießen in der aktuellen Phase der notwendigen Konsolidierung und Revitalisierung historischer Ortskerne besondere Priorität vor der Neuerfassung von Denkmalen, wie sie unter dem Erwartungs- und Veränderungsdruck nach dem Mauerfall im Mittelpunkt der Inventarisationstätigkeit standen, um einen unübersehbaren Nachholbedarfabzudecken und eine zeitgemäße Aktualisierung der Berliner Denkmalliste zu gewährleisten. Auf Dauer werden konservatorische und archäologische Belange vor allem dort breite Akzeptanz finden, wo die schützenswerten Denkmalbestände auf der Basis einer vertiefenden Bearbeitung und attraktiven Veröffentlichung aufgeschlossenen Bürgern und verantwortungsbewussten Planern beziehungsweise politischen Entscheidungsträgern bekannt und ans Herz gewachsen sind.
Als die Ständige Konferenz der deutschen Kultusminister 1980 die Richtlinien für eine Länder übergreifende Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland verabschiedete, erfolgte dies unter dem Eindruck des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975. Dessen Folge war eine städtebauliche Neuorientierung, die den Abschied von den Planungsleitbildern einer autogerechten Stadt und von den Sanierungszielen einer radikalen Neuordnung durch Flächenabrisse in der westdeutschen Bundesrepublik einläuten sollte. Das Instrument einer topographisch, also stadträumlich angelegten Darstellung sollte - im Unterschied zu hierarchisch und nach Gattungen gegliederten "klassischen" Denkmalinventaren - den Lesern eine raschere Orientierung im eigenen Umfeld ermöglichen. Mit der Wahl dieser topgraphischen Vermittlungsform und ihrer Verbindung mit Denkmalkarten und Denkmallisten war zugleich eine auf die spezifischen Planungsinstrumente von Stadtentwicklung und Stadterneuerung abgestimmte Form der Denkmalinformation gegeben, um öffentliche Belange von Denkmalschutz und Denkmalpflege unkomplizierter in städtebauliche Entwicklungskonzepte und übergeordnete Fachplanungen einfließen lassen zu können.
Auch nach der Maueröffnung und der Vereinigung Berlins 1990 haben sich Instrument und Ziele der Denkmaltopographie als geeignetes Mittel der Dokumentation und Grundinformation über Objekte und Interessen der Denkmalpflege in der Stadtentwicklung bewährt. Die nach der deutschen Einheit mit Förderung des Bundesministeriums des Innern und der Volkwagen-Stiftung in den östlichen Bundesländern und im Ostteil von Berlin mit großem Nachdruck aufgenommenen Erfassungs- und Unterschutzstellungsprogramme zur Vervollständigung der Denkmallisten liefern wichtige Grunddaten zur Erarbeitung und Veröffentlichung von Denkmaltopgraphien. So konnten zu den im ehemaligen Westteil Berlins erschienenen Denkmaltopgraphien der Ortsteile Reinickendorf, Zehlendorf, Grunewald und Friedenau bereits Überblicksdarstellungen für den Bezirk Friedrichshain sowie für den Ortsteil Mitte vorgelegt werden.
Denkmaltopographien führen in die historisch städtebauliche Entwicklung der bearbeiteten Gebiete ein und stellen den Bestand der geschützten Bau-, Boden- und Gartendenkmale sowie Denkmalbereiche in erläuternden Texten und illustrierenden Abbildungen vor. Eine Denkmalkarte sowie ein Listenauszug der behandelten Denkmaladressen vervollständigen die Information und erleichtern die Einbindung der Einzelangaben in übergeordnete stadträumliche Zusammenhänge. Eine Denkmaltopographie zu erstellen ist ein anspruchsvolles Unternehmen. Zu danken ist besonders dem Autor Dr. Matthias Donath, der schnell und präzise einen umfangreichen Datenbestand geordnet und anschaulich präsentiert hat. Er hat mit diesem Buch auch eine Ortsgeschichte Schöneweides vorgelegt und die Baudenkmale und Denkmalbereiche als Zeugen der Stadtentwicklung gewürdigt. Gabriele Schulz leistete die gleiche Arbeit für die geschichtsträchtigen Gartendenkmale. Dieses Buch lebt von den hervorragenden Fotos, die größtenteils von Wolfgang Reuss, Landesdenkmalamt, stammen. Mit ihren geschulten Augen konnten sie häufig Qualitäten aufdecken, die nicht leicht zugänglich waren oder an denen mancher Passant achtlos vorbeigegangen sein mag. Die übersichtliche Denkmalkarte kam dank der kollegialen Unterstützung der Arbeitsgruppe "Informationssystem Stadt und Umwelt - Ökologische Planungsgrundlagen" der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (IX B 2) zu Stande. Ohne die langjährige Forschungs- und Sammlungstätigkeit der Heimatmuseen Köpenick, Treptow und von Waltraud Krause vom Heimatmuseum Oberschöneweide hätte das Buch in dieser Qualität nicht erscheinen können. Unterstützung leisteten auch das Deutsche Technikmuseum sowie das Archiv der Stiftung Stadtmuseum. Die redaktionelle Bearbeitung dieses Werkes lag bei der Topographiegruppe des Landesdenkmalamtes, Dr. Bernhard Kohlenbach und Dr. Hubert Staroste.

Wenn es richtig sein sollte, dass die Industrielandschaft Schöneweide für die Elektropolis Berlin "nicht weniger charakteristisch - und nicht weniger wichtig - ist als die Museumsinsel für Spree-Athen" (Norbert Huse), dann dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch dieser Berliner Denkmalort an der Oberspree die ihm gebührende öffentliche Aufmerksamkeit und erforderliche Anstrengungen zu seiner Revitalisierung erfährt. Alle, die an der Erarbeitung der vorliegenden Denkmaltopographie Schöneweide itgewirkt haben, wollten jedenfalls mit ihrem Beitrag diesem Denkmalort im Wartestand auch die Zeit unnötiger Planungs- und Investitionsunsicherheiten verkürzen helfen.

Prof. Dr. Jörg Haspel
Landeskonservator